Inner Ocean

Anja Hellhammer, Kunsthistorikerin und Kuratorin für Fotografie des 20. und 21. Jahrhunderts

 

In flow – Typologie einer menschlichen Sehnsucht

 

„Der Mensch und der Umraum interessieren mich am meisten“, resümiert Birgitta Thaysen die Kernthemen ihres multimedialen Œuvres. Unverkennbar spiegelt auch ihre umfassende fotografische Porträtserie mit dem ebenso luziden wie poetischen Titel Inner Ocean ein tiefgründiges, ja forschendes Interesse am Formenreichtum des menschlichen Antlitzes, an seinem individuellen Mimikkanon im Zusammenspiel mit den ebenso vielgestaltigen Ausdrucksweisen der menschlichen Körpersprache. Jedoch ist dieses Projekt wider den ersten Blick weitaus mehr als eine feinsinnig-psychologische Bestandsaufnahme der ethnischen Vielfalt in „unserer“ urbanen Nachbarschaft, entstanden in Düsseldorf und London. Birgitta Thaysens Einzelbildnisse von Menschen beinahe jedes Alters und jeder Herkunft formieren sich in ihrer Gesamtheit zu einer Art komplexem fotografischen „Studien“-Projekt, in dessen Zentrum eine diffizile Performancesituation steht. 

Denn in ihren Porträtaufnahmen erspürt die Künstlerin sensibel und spielerisch zugleich die äußerst filigranen Momente eines genuin menschlichen Traum-Zustands: Selbstvergessenheit. Vermittels eines traditionsreichen, kulturell übergreifenden Attributs hat sie ihre Modelle verführt, vor der Kamera eine Reise ins Innere anzutreten. Die Meeresschneckenhäuser fungieren in Birgitta Thaysens Inszenierung wie omnipräsente Requisiten, die kraft ihrer taktilen Eigenschaften, ihres stimulierenden, sinnlichen Objektcharakters und allem voran ihrer universellen Symbolwertigkeit – als Sinnbilder für das Meer, Fernweh und Reiselust, geheime Sehnsüchte, Ozeanrauschen, Kindheitserinnerungen, Kontemplation und Tagträumerei –  die Protagonisten auf den Weg in eigene Assoziations- und Traumwelten geleiten sollen. 

Das Erreichen des, von Psychologen als „flow“ bezeichneten, mentalen Zustands ist indes keinesfalls planbar; und so scheint es bei eingehender Betrachtung der Fotografien, dass kaum alle Porträtierten, zumal in Anwesenheit von Künstlerin und Kamera, in diese zweifelsohne intime Phase der totalen Hingabe, der tiefen Konzentration, in Vergessenheit von Zeit und Raum, einzutreten vermochten. Gerade hier wurzelt die künstlerische Intention: Geht es doch vor allem darum, den individuellen Moment größtmöglicher Intensität und Authentizität in einem identischen situativen Kontext festzuhalten.

Über die Visualisierung der Vielfalt des Menschen und seine spezifischen  Ausdrucksmöglichkeiten hinaus entwirft Birgitta Thaysen eine fotografische Typologie der urmenschlichen Sehnsucht nach Selbstvergessenheit. Dementsprechend konsequent und zurückhaltend ist die Bildsprache ihrer schwarz-weißen Atelieraufnahmen: Diese folgen einem seriellen Konzept, in dem Komposition, Raumentwurf, Lichtführung und nicht zuletzt die allgegenwärtigen Meeresschneckenhäuser ein einheitliches Erscheinungsbild formen. Adäquat subtil vollzieht sich ihr konzeptueller Zugriff auf den Umraum, der sich dem Betrachter zunächst als neutraler, meist nur diffus definierter Hintergrund präsentiert, vor dem sich umso plastischer die individuellen Physiognomien abheben. Ohne erkennbare Ausgestaltung und Begrenzungen eröffnet sich sowohl für die Porträtierten als auch für die Betrachter ein weiter Entfaltungsspielraum – Birgitta Thaysen hat hier den imaginierten Raum gebannt, und sie erschafft zugleich ein Sinnbild für die Freiheit der Gedanken.  

So eröffnet sich schlussendlich nicht nur eine besondere Perspektive: Der Betrachter kann sich dem Anschauen vertraulicher Momente der Kontemplation und des Rückzugs hingeben, ohne dabei die Intimsphäre seiner Mitmenschen zu verletzen. Zugleich blickt er unweigerlich in den Spiegel seiner eigenen Sehnsucht nach Selbstvergessenheit und: nach Glück.

Anja Hellhammer, Kunsthistorikerin und