Text über Birgit Huebner und Birgitta Thaysen

Nicole Oversohl-Heusinger

Einführung in die Ausstellung Birgit Huebner & Birgitta Thaysen  | Villa Erckens Grevenbroich, 2019

Es gibt diesen sehr treffend formulierten Satz von Robert Louis Stevenson: There are no foreign lands. It is the traveller only who is foreign. Dass wir uns als Reisende in fremden Gefilden oft fremd fühlen, besagt aber auch, dass wir gerade durch dieses Sich-Fremd oder -Anders-Fühlen automatisch unsere Sinne schärfen und den im Alltag meist abgelegten Entdeckerdrang im ungewohnten Terrain plötzlich erneut aktivieren. Stetes Einlassen auf Neues bereichert unseren Erfahrungsschatz und kann mitunter dazu führen, dass wir unsere vertraute Welt und Umgebung, unseren Alltag in einem ganz anderen Licht wahrnehmen. Man registriert auf einmal Details, die einem vorher nicht aufgefallen waren, erblickt formale oder ästhetische Zusammenhänge, die vormals abstrus erschienen. Ein geschärfter Blick kann viele Facetten aufspüren. Dessen Grundvoraussetzung ist aber immer die Faszination am Unterwegs-sein, am Reisen, am Sich-Orientieren und Aufspüren. Aus eben diesen Bedingungen ziehen beide hier präsentierten Düsseldorfer Künstlerinnen wichtige Impulse für ihr künstlerisches Arbeiten. Auch wenn der Raum, in dem sie sich bewegen, auf jeweils unterschiedliche Weise umgesetzt wird.

Wir begegnen hier einerseits Birgit Huebners rein abstrakter Malerei und Graphik sowie einer Boden-Installation, allesamt von Kreisformen und farbigen Liniensystemen bestimmt. – Andererseits konfrontiert uns die Fotokünstlerin Birgitta Thaysen ausschließlich in Schwarz-Weiss mit ihren gegenständlichen An- und Durchblicken auf Architektur und Handtuch-Stillleben sowie in urbane Außen- und Innenräume. Bei genauerer Betrachtung treten diese zunächst unterschiedlich erscheinenden Arbeiten und Arbeitsweisen jedoch in einen spannungsreichen Dialog und man entdeckt beim Gang durch die Ausstellung ungeahnte Parallelen.

Da ist vor allem der Aspekt des Fragmentarischen. Bei Birgitta Thaysen wird er dadurch erreicht, indem sie ihre Motive stark anschneidet, das Aufgenommene folglich in nahansichtiger Abstraktion wieder gibt. Der festgehaltene Augenblick wird also verkürzt und auf einen Ausschnitt fokussiert. Dabei entstehen sehr poetische, stille Momente, nur getragen von einzelnen hervorgehobenen Elementen. Ein eindringliches Beispiel bietet die ungewöhnliche Aufnahme vom Portikus der Münchner Glyptothek, einem klassizistischen Gebäude aus dem frühen 19. Jahrhundert. Sonnenlicht modelliert nur die untersten fünf Stufen eines Treppenanstiegs, dessen monumentale Tempel-Architektur sich ansonsten in schattige Nebensächlichkeit hüllt. Das dominierende Dunkelgrau allerdings läßt die erhellten Partien der Stufen als lineares Gefüge umso mehr hervortreten. Denn diese im Sonnenlicht akzentuierten Linien sind es, die unseren Blick eigentlich erst ins Bild führen, zugleich aber auch die Tiefenräumlichkeit der Architektur zurück drängen. Ähnliches passiert beim Betrachten der sehr viel nüchternen Architektur der U-Bahn Station am Bundestag in Berlin. Dabei blicken wir frontal auf eine Beton-Säule, deren Drehkreuz artiges Kapitel das von oben eindringende Tageslicht aufnimmt. Echohaft umgeben weitere Kreisformen – nämlich die Leuchten der Bahnhofshalle – die fast mittig platzierte Säule. Auch hier gibt es Linien, die die Blickrichtung vorgeben und lenken. Der schräge Verlauf des Geländers, sein Anstieg, dann das Ruhen in der Horizontalen zieht unseren Blick regelrecht nach oben hin zum Lichtkreis. In seiner enormen Ausschnitthaftigkeit wirkt das Foto ebenso abstrakt wie die Malerei von Birgit Huebner. Man vergisst beinahe, dass es sich um eine Schwarz-Weiß-Aufnahme handelt. Genau in diesem Vergleich entsteht ein überaus faszinierender Effekt:

Während nämlich die Closeups bei Birgitta Thaysens Fotografien dazu führen, dass sich die Wahrnehmung von räumlicher Architektur nur noch auf ungegenständliche Formen reduziert, auf Linien und Flächen, völlig losgelöst vom Kontext, entsteht bei Birgit Huebner genau der konträre Eindruck. Ihre leuchtenden monochromen Hintergründe öffnen sich zu einem kaum fassbaren, unendlichen Tiefenraum, in dem planetenähnliche Kugeln oder Scheiben und rhythmische Schwünge farbiger Bänder schwerelos durch die Lüfte zu gleiten scheinen.

Indem diese Wechselwirkung stattfindet, geschieht etwas höchst Interessantes. Ihrer beider Bildwelten werden zu einer Metapher für den Schnitt durch Raum und Zeit. Halten sie doch beide den einen besonderen, geschauten und erlebten Moment fest, abstrahieren auf diese Weise ihre Erinnerung in bildlichen Fragmenten, der Zeit völlig entflohen. Dabei hinterlassen beide Künstlerinnen menschliche Spuren, ohne dass der Mensch im Bild anwesend wäre. Dennoch erzählen sie vom Menschen im übertragenden Sinne. Blickt man genau, entdeckt man in Thaysens Foto mit dem kathedralartigen Innenraum der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen, verschwindend klein, eine menschliche Gestalt vor dem Computer sitzen. In gewisser Weise steht er hier stellvertretend für das erzählerische Moment, das beide Künstlerinnen verfolgen. Sind sie doch beide, in den Worten Birgitta Thaysens, Chronistinnen des Alltäglichen, die Strukturen, Zwischenräume und Überlappungen im urbanen Leben dokumentieren. Dabei begeben sie sich beide mit Vorliebe auf Streifzüge durch die Stadt, um unseren Natur- und Lebensraum zu ergründen.

Birgit Huebner bietet uns allerdings keine naturalistischen Aufnahmen der Orte, die sie auf ihrem Weg durch die Metropolen dieser Welt gestreift hat. Vielmehr zeichnet sie ein lyrisches Universum abstrakter Formen, eine Art Mapping der Imagination. 2016 war die Künstlerin in New York, wo sie täglich die U-Bahn benutzte, um von Brooklyn aus nach Downtown Manhatten oder woanders hin zu gelangen. Stets gewappnet mit einem Subway-Plan, der ihr half, sich in dieser riesigen Metropole zu orientieren. Zurück in Deutschland markierte sie dann die in New York zurückgelegten Wegstrecken und visuellen Eindrücke in einer ganzen Serie auf Papier. Mithilfe von Acrylfarbe, Buntstift und farbiger Tusche entwickelte sie ein bildnerisches System, dessen Kreise und bunten Linien tatsächlich an Inseln von U-Bahn Stationen und -Strecken erinnert. Manches ihrer konstruktivistischen Form- und Liniengebilde läßt auch an wachsende Strukturen oder – wie im Bild “Les Arrondisments” – an Risse und Craqulees denken.

Energetisch bündeln sich die Weglinien hier zu einem wahren Spinnennetz, hinterfangen wiederum von einer bunten Kreisform, aus deren Mitte heraus Straßen und Wege in alle Richtungen des Bildraumes ausstrahlen. Auch bleibt der konstruktive Charakter eines Stadtgrundrisses – diesmal ist es Paris – nicht verborgen, ebenso wenig wie die Wechselbeziehung zwischen Kunst und Architektur. Noch konkreter zeigt sich die bewusste Auseinandersetzung mit vorgefundener Architektur in Birgit Huebners Installation aus schwarzen Metallplatten, die durch leuchtend orangefarbene Linien erst an Ort und Stelle zu einem Ensemble verwebt werden. Nur sind die Linien in beiden Fällen nicht – wie in der Subway-Serie – gemalt, sondern mit Tape-Streifen auf das farbig präparierte Büttenpapier beziehungsweise den Boden aufgeklebt. Erinnerte Spaziergänge, ob mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß, werden so zu gemalten, gezeichneten oder geklebten Pinselstrichen, die den Betrachter auf die Entdeckungsreise der Künstlerin ein weiteres Mal mitnehmen. Spielerisch verbinden sich somit graphische Elemente mit Malerei und Architektur, die in ihrer Einfachheit Raum für die linearen Erzählungen entdeckter und erlebter Wege durch urbane Orte bieten.

Beide Künstlerinnen eröffnen uns demnach verschiedene Sphären und Betrachtungswelten, gezeichnet durch subjektive Erfahrungen und visualisiert in der ihnen eigenen Bildsprache. Und doch geben sie beide den jeweils eigenen Blick auf Wirklichkeit wieder, indem sie die Erinnerung an einen gesehenen Moment wie in einem Tagebuch weitertragen. Zu diesem Erfahrungsschatz gehören auch so banale Alltagsgegenstände wie benutzte Handtücher aus dem Atelier oder Marmeladenglasdeckel. Birgitta Thaysen inszeniert ihre Handtücher in konzeptueller Reihung en bloc, verfremdet und stilisiert dadurch gleichsam deren eigentlichen Gebrauchsnutzen. Birgit Huebner hingegen verschleiert den Wiedergebrauch, indem sie die flachen Deckel benutzt, um ihre Bodeninstallation zum Schweben zu bringen. Doch auch sie erzählen uns etwas von persönlich Erlebtem, von getroffenen Entscheidungen und existentiellen Ereignissen, selbst wenn die ursprünglichen Gegebenheiten nicht mehr greifbar sind.

Es geht mir nicht um Objektivität, sondern um Authenzität, sagt Birgitta Thaysen. Und sie beschreibt ihr Anliegen äußerst anschaulich: (Zitat) “Das Interessante (…) ist für mich, dass ich sagen kann, so war es in diesem (einen) Augenblick. Aber wir wissen, dass dieser Augenblick so nicht mehr existiert”.