Text über Birgitta Thaysen

Dr. Sandra Abend

Der Fotografin Birgitta Thaysen geht es in ihren Arbeiten immer um die Authentizität des Augenblicks. Diesen verdichtet sie in ihren Schwarzweißfotografien auf mannigfaltige Weise. Hinter diesem Bestreben könnte man eine rein dokumentarisch intendierte Fotografie vermuten. Weit gefehlt, gehen doch ihre meist seriellen Arbeiten über das Festhaltende, Narrative hinaus und geben Denkanstöße, die sich mit allgemeingültigen Lebensfragen der Vernetzung und Zusammengehörigkeit unserer Welt auseinandersetzen.

Bei allen ihren Werken stellt die Künstlerin die Frage nach Form und Aussehen. Von der Natur ins Urbane interessiert sie, wie die Dinge ineinanderfließen. Mensch und Raum nehmen in diesem Bilderkosmos eine zentrale Rolle ein — auch wenn der Mensch nicht immer in Erscheinung tritt, ist seine Präsenz spürbar. Reminiszenzen zeichnen sich in Form von Spuren ab, die er in seiner gestalteten Umgebung hinterlässt. Vor uns öffnen sich in diesen Bildern kontrastgeladen Städte- und Landschaftsräume.
So geht es in Thaysens Werk um das Gewesene, das Vorgefundene, aber auch um die Inszenierung, die sie mit ihrer Kamera festhält. Im Sinne der Authentizität schließt sie eine Manipulation in der Postproduktion vollkommen aus.

Immer schon hat Thaysen die Auseinandersetzung mit Räumen fasziniert. Zu Beginn ihres künstlerischen Schaffens stand das Bühnenbild im Zentrum ihres Interesses, vor allem, da es in seiner Entstehung etwas Vergängliches in sich birgt und sogar Inszenierungen nur für einen Abend existieren.
Sie machte ihr Praktikum in einer Bühnenwerkstatt. Über die rein handwerkliche Tätigkeit hinaus, besuchte sie zusätzlich als Gasthörerin an der Düsseldorfer Kunstakademie Seminare des Bühnenbildners und Theaterregisseurs Karl Kneidl.

„Man will dem Bild glauben, wie bei dem Theater.“ Hier sieht Thaysen die starke Beziehung zwischen der Fotografie und der Bühnenkunst. Ein Wahrheitsversprechen hat es in Wirklichkeit nie gegeben, dafür besitzt das verhältnismäßig junge Medium eine hohe Suggestivkraft, was es über seine vielfältigen Funktionen so anziehend macht.

Vom Bühnenbild gelangte Thaysen zunächst zur Malerei. Malen das konnte sie schon immer gut und darum enthielt ihre Bewerbungsmappe für die Aufnahme an der Kunstakademie lediglich zwei Fotografien. Bereits als Teenager war sie oft mit einem Skizzenblock unterwegs, um sich ihrer Umgebung zeichnerisch anzunähern. Ein Vorbild hatte sie damals: ihr Bruder, ein Architekt, der sie inspirierte, Räume begreifen zu lernen. Und so entwickelten sich Raum und Mensch zu einem fortwährenden Thema in ihrem multimedialen Werk. Im Orientierungsbereich der Akademie begann sie schließlich mit Fotos zu arbeiten, indem sie diese zerschnitt, um sie anschließend wieder neu zusammenzusetzen. Durch diese Vorgehensweise wurde Bernd Becher, Professor für Fotografie, auf die Studentin aufmerksam. Bei ihm und seiner Frau Hilla, dem einflussreichsten deutschen Fotografenpaar der Nachkriegszeit, studierte sie von 1985 bis 1992 Fotografie. Und obwohl der künstlerische Ansatz der Bechers objektiver, sachlicher ist und Thaysen bei ihren zunächst experimentellen Analysen immer sehr subjektiv ansetzt, bestehen Parallelen oder zumindest Tendenzen in der Intention. Bernd und Hilla Bechers Lebenswerk, eine dokumentarische Typologie der Industriekultur zu erstellen, verlangte eine minuziöse, sachliche Vorgehensweise, deren Ziel es war, Analogien der einzelnen fotografierten Objekte aufzuzeigen. In Bechers festgehaltener Architektur „anonymer Skulpturen“ findet sich zugleich Universelles und Individuelles. Diese Ebene der Zugehörigkeit kristallisiert sich auch in Thaysens Arbeiten heraus.

Während des Studiums experimentierte Thaysen zunächst mit Perspektiven, wie Menschen in die Komposition eingebunden sein können. Für ihre fotografischen Studien ist sie selbst ein dankbares Objekt. Es entstehen frühe Selbstporträts in starkem Helldunkel-Kontrast. Wieder andere Aufnahmen verschleiern durch Reflexionen die Realitätsebenen im Bild. Der Selbstinszenierung ist sie treu geblieben, 2013/14 entstand so die Serie „Behind the Curtain“. Der im Titel genannte Vorhang verhüllt aber nicht etwa, vielmehr gibt in den Studioaufnahmen eine transparente Folie schemenhaft die dunklen Körperkonturen der Künstlerin, mal vor hellem, mal vor schwarzem Grund preis. Es entstehen zwei Ebenen im Bild, die in einer Arbeit durchbrochen werden, indem Thaysen uns den Rücken zugewandt mit ihrem dunklen Oberteil an der Folie lehnt und genau an dieser Schnittstelle den Raum scheinbar zusammenfügt.

Ein Verweis auf den Menschen findet sich auch in dem Bild vom Naturschutzgebiet Ölgangsinsel, das nicht unweit vom Industriehafen Heerdt gegenüber Thaysens Atelier — nur durch den Erftkanal getrennt — gelegen ist. Der Name des Gebiets soll vom einst betrieben Aalfang herstammen. Das fotografisch im Hochformat festgehaltene Naturidyll zeigt neben einer wildbewachsenen Wiese, einem kleinen struppigen Baum in der Bildmitte und kahlen, hochragenden Bäumen im Hintergrund eine Europalette, zentriert im unteren Drittel des Fotos. Kompositorisch korrespondiert sie mit dem hinter ihr liegenden kleinen Baum. Mit der Palette als Zeichen für den Großhandel oder gar für die Globalisierung entsteht ein irritierender Bruch im Bild. Eine Irritation, die Thaysen genauso vorgefunden hat.
Auch die Aufnahmen der „Freitreppe und Säulen der Staatlichen Antikensammlung München“ und der „Olivenwald, Korfu, Griechenland“ sind menschenleere Bilder. Die Sehgewohnheit wird hier auf eine sehr subtile Weise gebrochen. Licht und Schatten sind die bildkomponierenden Elemente. Der Treppenaufgang in der von Architektur dominierten Arbeit ist sonnenbeschienen, ab der fünften Stufe verdunkelt sich der Aufgang hin zu den Kolossalsäulen. Das monumentale Bauwerk erscheint nahezu bedrohlich. Im „Olivenwald auf Korfu“ durchstreift man die dunkle, unheimlich anmutende Szenerie, um einen hellerleuchteten Ausblick auf eine Waldung zu erhalten. Die Konturen der alten Bäume heben sich wie Schatten durch das Gegenlicht von ihrer Umgebung ab. Durch ein kontrastreiches Wechselspiel fixiert Thaysen Stimmungen im Bild, die Gefühlsregungen beim Betrachter evozieren können. Es entstehen Trennungen im Raum, die uns auch ganz anderes geartet in ihren Werken wiederbegegnen. In „Küche und Herd“ impliziert das bereits der Bildtitel. Die Arbeit gewährt uns einen Einblick in die Atelierküche einer befreundeten Bildhauerin aus Düsseldorf. Links im Bildvordergrund steht separiert ein alter Gasherd vor einer weißen Wand, rechts daneben erst öffnet sich ein Durchgang zur vielbenutzten, mindestens ebenso alten Küche.

Raumtrennungen greift die Fotografin auch bei der Aufnahme „Duschraum im Gästehaus Bauhaus“, Dessau, auf. Ein angeschnittenes, verwittertes Holzfenster, das noch aus der Zeit der Bauhauskünstler stammt, öffnet den Blick auf den daneben gelegenen Gebäudekomplex. Symmetrisch wird dieser durch die Fenstereinfassung im unteren Drittel eingepasst. Darüber erscheinen Dächer und Baumspitzen wie an einem Horizont, eingetaucht in eine dichte Wolkendecke. Der Himmel erfährt nur eine Begrenzung durch den Bildraum, denn der eigentliche Fensterrahmen ist zu den Seiten und nach oben hin ausgespart.
Neben der Teilung »Raum im Raum« oder »Innen und Außen« erzielt Thaysen eine vollkommene Aufhebung aller Grenzen und Orientierungspunkte in ihrer Werkserie der Wolkenlandschaften.
Diese flüchtigen Gebilde hat sie in den verschiedensten Konstellationen fotografiert. Immer während und naturgegeben verändern sie die Atmosphäre. Die Raumwirkung versucht sie ebenfalls über die Präsentationsart erfahrbar zu machen. Auf Stoff gedruckt und aufgezogen, als Werkgruppe gehängt, soll die Akustik des Raumes wattierend matt erklingen. Die Fotografie wird zur ganzheitlichen körperlichen Erfahrung bei der Betrachtung in ihrem Umgebungsraum.

Die Inszenierung in diversen Spielarten zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben Birgitta Thaysens. Bereits als Kind war sie davon mehr als angetan. Im Urlaub fuhr ihre aus Dänemark stammende Mutter oft mit ihr nach Kopenhagen. Dort besuchte sie den Tivoli, einen der ältesten und größten Vergnügungsparks der Welt. Das war „reine Inszenierung“, die sie nicht mehr losließ.

Es verwundert nicht, dass sie in den 90er Jahren neben der Fotografie auch bei Nan Hoover unter anderem Video und Performance an der Akademie studierte. So schafft sie den Perspektivwechsel nicht nur in ihren Aufnahmen, sondern auch im Bewegtbild. Immer wieder führt sie ihre Arbeit zurück zur Fotografie, um uns in bildnerischen Versatzstücken Strukturen und Formen unserer Welt näher zu bringen.